Westfälische Rundschau - Kamen, 09.08.2010

Open-Air-Kino zwischen den Kirchen erfreut besonders ältere Filmfreunde - Familie Kese verpasst keinen „Filmriss"-Abend in Kamen

Keine freien Stühle beim Open-Air-Kino

Katja Burgerneister

Kamen. Grenzgänge gab es am Freitag nicht nur auf der Großbildleinwand beim Open-Air-Kino. Mancher geriet auch ganz real an seine Grenzen. Die engen Stufen im Turm der Pauluskirche schlugen zumindest drei der gut 70 Besucher im Vorfeld des traditionellen Sommerkinos in die Flucht statt in ungeahnte Höhen. Die übrigen genossen bei den Kirchturmführungen der Stadtführergilde ungeahnte Aus- und Einsichten.

Wie wenig später Jack Nicholson und Morgan Freeman auf der Leinwand. Mit Einbruch der Dämmerung gingen die beiden nicht nur äußerlich gegensätzlichen Filmstars mit einer „Löffelliste" gegen den Krebs-Tod an. Bei Fallschirmsprüngen, Mount-Everest-Besteigungen, auf Großwildjagd oder am Taj Mahal entdeckten sie vor den Augen der Zuschauer auf voll besetzten Stuhlreihen mehr als nur komische Momente und den Sinn des Lebens. Ganz getreu dem Titel „Das Beste kommt zum Schluss".

Auch Eise Kese genoss den Abend. Früher waren Kino-Abende für die 85-Jährige ein regelmäßiges Vergnügen. „Wir hatten ein Kino direkt neben unserer Bäckerei", erinnert sie sich mit leuchtenden Augen. Dort schaute sie sich vor allem Musikfilme an. Dass sie das letzte Mal im Kino war, „ist schon lange her". An diesem Abend ist sie mit der ganzen Familie gekommen - sogar der Enkel ist dabei. „Seit wir hier in Methler wohnen, sind wir zu jedem Open-Air-Kino gekommen", erzählt ihre Schwiegertochter. Ihr Rollstuhl verschafft Eise Kese an diesem Abend angesichts echten Stuhlmangels sogar Vorteile.

Dicht gedrängt verfolgten die Besucher den Hollywood-Streifen „Das Beste kommt zum Schluss".

Den Sinn des Lebens hat Klaus Fiukowski für sich persönlich schon lange entdeckt. Seit er vor über 20 Jahren seine Kinoleidenschaft zum Beruf machte. Zusammen mit anderen Studenten entschied er sich, die kommerzialisierte Kinolandschaft wieder ansprechender zu gestalten. Sie gründeten einen Verein, aus dem sich schließlich das mobile Kino entwickelte. Fiukowski, ein Kommilitone und das Unternehmen „Filmriss" blieben aus der damaligen Aufbruchstimmung übrig - und natürlich die Filmleidenschaft. Allerdings: „Popcorn mag ich heute nicht mehr", meint Fiukowski lächelnd. Kein Wunder: Er steht regelmäßig an der Popcornmaschine, während seine Filmrollen über den Projektor laufen.

Interessante Perspektiven entdeckten auch andere an diesem Abend. „Es ist toll, hier im Freien zu sitzen und einen guten Film zu genießen", meint eine Anwohnerin des Kirchplatzes. Während sie den Abend genießt, fühlen sich andere Nachbarn eher genervt von Musik, lauten Gesprächen und der Filmvorführung. „Dass kann ich gar nicht verstehen", meint sie. Andere genossen einfach nach langer Zeit mal wieder echtes Kinogefühl. „Wo soll man denn ins Kino gehen", meint ein älteres Ehepaar. Sie schaffen es nur drei bis vier Mal im Jahr nach Unna ins nächste Kino.

INFO

Open Air seit 1984
  • Schon am Nachmittag baute das vierköpfige Team von „Filmriss" die Großbildlein-wand und die 400 Stühle zwischen den Kirchen auf. Zwei Stunden braucht das Team für den Abbau, noch mal eineinhalb Stunden dauert das Abladen.
  • Zum 9. Mal fand das Open-Air-Kino in diesem Jahr statt - zum vierten Mal von sechs Sponsoren vollständig gefördert.
  • Heiß begehrt waren vor der Filmvorführung nicht nur die drei Turmführungen in der Pauluskirche, sondern auch die gut 200 Sitzplätze der Gastronomie. Die Band „Heartbreakers" sorgte dafür, dass die Stimmung schon ab 18 Uhr mehr als gut war.
  • Eingepackt blieben diesmal Hilfsmittel gegen möglichen Regen. Die Wettervorhersagen spielten mit und sagten lediglich zehn Prozent Regenwahrscheinlichkeit voraus. Doch auch bei Regen bleibt das Filmriss-Team gelassen, getreu ihrem Motto: Schlechtes Wetter gibt es nicht - nur die falsche Kleidung!
  • Seit 1984 veranstaltet das „Filmriss Projektkino" Open-Air-Kino-Vorführungen.



Hellweger Anzeiger, 09.08.2010

Filmgenuss unter freiem Himmel

Über 400 Kamener erleben das Open-Air-Kino zwischen den Kirchen

Von Johannes Brüne

KAMEN • So ein Open-Air-Kino-Abend artet für manche Beteiligte in echte Schwerarbeit aus. Die beiden Gästeführer Marlene Siekmann und Manfred Böse jedenfalls haben schon gut zu tun, bevor der Vorspann über die Leinwand auf dem Platz zwischen den Kirchen läuft.

Etliche Filmfreunde, die am Freitagabend Jack Nicholson und Morgan Freernann in der Tragigkomödie „Das Beste kommt" zum Schluss sehen wollen, nutzen vorher das Angebot, sich von der Gästeführergiide auf den Schiefen Turm der Pauluskirche führen zu lassen. Über 50 Menschen hätten sich an den drei Führungen beteiligt, bilanziert Böse. Siekmann freut sich über die Resonanz, ist aber auch ganz schön erschöpft von den vielen Stufen: „Wir sind kaum dazu gekommen, zwischendurch einen Schluck zu irinken."

Derweil steht der Chef-0rganisator des Open-Air-Kinos, Christoph Watoila vom Stadtmarketing, gelassen vor der kleinen Bühne, auf der die „Heartbreakers" ihre Rockklassiker spielen. Bei der neunten Kamener Freiluft-Vorführung ist für ihn vieles zur Routine geworden. Und selbst ein wichtiger Faktor, den Walolla nicht beeinflussen kann, macht ihm diesmal keine Sorgen: Das Wetter. Der Sommerabend ist einigermaßen mild, die Niederschlagswahrscheinlichkeit tendiert gegen Null. Die Regencapes, die im vergangenen Jahr regen Absatz fanden, hat Warolla diesmal im Rathauskeller gelassen.

Auch Klaus Fiukowski vom Gevelsberger Projektkino Filmriss, der die die technische und cineastische Ausstattung zwischen den Kirchen übernimmt, blickt zufrieden in den Sommerhimmel: „Anfang der Woche habe ich mich noch gefragt, ob das hier gut geht." Es geht gut. Schon um kurz nach 19 Uhr haben sich die ersten Besucher einen der 400 Plastikstühle für den Filmgenuss unter freiem Himmel gesichert. Dabei startet der Film doch erst in gut drei Stunden, wenn die Dunkelheit über Kamen hereingebrochen sein wird.

Watolla schaut zu diesem Zeitpunkt noch etwas skeptisch, weil der Platz erst sehr mäßig gefüllt ist. Aber die Kamener lassen ihn nicht im Stich: Als Nicholson und Freemann auf der Leinwand auftauchen, sind nahezu alle Stühle besetzt und etlichen Zuschauer bieibt nur ein Stehplatz. Offensichtlich hat Fiukowski mit „Das Beste kommt zum Schluss" die richtige Wahl getroffen: „Der Film enthält Action und Komik und ist für die ganze Familie geeignet", sagt der Cineast.

Auch die Besatzung des Getränkewagens hat nach Vorstellungsbeginn noch gut zu tun. Einige Kamener nutzen das Open-Air-Kino eben zum Plauder- und Wiedersehenstreff in den Ferien. „Ich war in den vergangenen Jahren jedes Mal hier", meint einer und nimmt noch einen Schluck Bier. „Den Film habe ich nie gesehen."
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